Reisebericht Ladakh 2019

„Ladakh hat sich um meine Seele geschlungen, eine Umarmung, der ich mich gern hingebe“.

 

Mehrere Wochen bin ich nun zurück von einer unvergesslichen zutiefst prägenden Zeit in Indien. Begleitet von einer Gruppe Menschen, die sich tief auf dieses Erlebnis eingelassen haben.

Für die meisten von ihnen war es die erste Reise nach Indien.

Ich habe mich ein paar Tage zurückgezogen, in mich und an einen ruhigen Ort in den niederösterreichischen Alpen. Der Anblick des Ötschers beruhigt meine Seele und die Sehnsucht nach den Bergriesen Nordindiens. Er hat etwas von dieser Weite und Freiheit die ich in Ladakh so intensiv verspürt habe.

 

Seit 11 Jahren bereise ich zumindest einmal pro Jahr dieses gewaltige Land.

Von Indien zurückzukehren war immer eine Wohltat, ein Durchatmen in dieser so vertrauten und strukturierten Welt des kleinen Österreich.

Jedes mal eine große Dankbarkeit wieder heimischen Boden zu betreten,

mein Leo nenn ich Österreich immer. Zugleich blieb ein Sehnen, dem vergewissert wurde, dass ich ja zurückkehren würde, irgendwann, wenn ich mich wieder erholt hätte.

Zudem hatte ein Teil von mir ja dafür gesorgt zurückkehren zu müssen!

Da ist ja die Schule in Varanasi, die ohne meine täglichen Gedanken und Handlungen nicht überleben kann.

Meine Seele hatte sich diese Aufgabe wohl bewusst gesucht, um nie wieder ganz in die Oberflächlichkeit des westlichen Genusslebens zurückfallen zu können.

Aber mein verwöhnter und träger Teil des Geistes schaffte es doch immer wieder für geraume Zeit mein Indien einfach zu verdrängen.

Alles auszublenden, die Berührungen, die Menschen, die auf mich hofften, die Arme die sich nach mir ausstreckten, die Augen, die sich wünschten, ich möge bald wieder kommen, die Hoffnungen, die an mich geknüpft wurden,

die Sehnsucht derer, die so sein wollten wie ich und die Not derer, die in Europa das gelobte Land sehen, wo das Geld auf Bäumen wächst.

Vielleicht ist diese Verantwortung ja auch einfach zu viel, zumindest zu viel um jeden Tag daran zu denken.

 

Dieses Mal war alles anders!

 

Das Indien von Varanasi, Dharamsala und Rishikesh kann man abschütteln,

zumindest zeitweise, nicht so die Gewalt und den Ruf der Berge von Ladakh!

Als ob die Berge sich in jede meiner Zellen eingenistet hätten,

als ob ich selbst zu dieser Energie geworden wäre.

Durchdrungen von einer Kraft und Sehnsucht, wie nach einer Berührung

mit dem Liebenden, der sich dann verabschiedet auf ungewisse Zeit.

Der Blick auf den Ötscher spendet Trost.

 

ABFLUG

So begann es Ende Juni 2019.

Freudig erregt, die Abenteuerlust im Herzen und die Aufregung wegatmend standen fast alle brav mit Handgepäck „only“ am Flughafen.

Ich war beeindruckt!

Ich hatte es vorgeschlagen, da ich selbst nur so reise, egal wohin und wie lang und es natürlich unseren Fahrern die Arbeit erleichtert, aber erwartet hatte ich es nicht.

Ein sehr guter Anfang!

Alles war gut, fast alles, wie es eben so ist auf einer Reise, die ja doch 21 Tage gedauert hat.

Lauter Alpha Tiere im besten Sinn!

Mitten im Leben, viel erlebt und erprobt und erfahren.

Dennoch, bis auf Brigitte und Renate, die ja schon fünf mal mit mir in Indien waren, war Indien für alle Neuland!

Wien – Dehli- Dehli- Varanasi- Varanasi- Dehli- Dharamsala- Manali- Leh- Lama yuru Tal- Leh- Nubra Tal- Leh – Dehli- Wien

Wer die Distanzen kennt, atmet erstaunt durch!

 

EINE REISE MIT SUPERLATIVEN!

Zwischen 48 Grad plus und Minus 1 Grad

Von Varanasi der ältesten belebten Stadt der Welt nah dem Meeresspiegel, hinauf in die höchsten Regionen der Vorberge im Himalaya bis auf 5600 Höhenmeter.

Vom tiefsten Hinduismus mit seinen tausenden von Göttern hin zu den Wurzeln des tibetischen Buddhismus und der ältesten spirituellen Schule dem Bön.

Zwischen Shiva und Om mani padme hung, zwischen Niederwerfungen und gefalteten Händen, Gebeten und Erleuchtungsgeschichten versuchte der Geist zu ordnen und zu strukturieren.

Da kann es schon passieren, dass nicht nur die Gottheiten durcheinander geraten, sondern auch die Gefühle und Emotionen der Reisenden!

Die Höhe schiebt das Ego, lässt verblendete Qualitäten wie Wut und Begierde ins Unermessliche steigen, da ist kein Halt mehr, da ja dazu noch die Angst im Hintergrund wächst.

Erstaunt fanden sich manche in Situationen wieder, die völlig neu für sie waren, sowohl körperlich als auch emotional.

Gern findet der Geist einen Schuldigen für die eigene Unzulänglichkeit.

Wenn nicht die Driver mit ihren stinkenden Dieselfahrzeugen - beim Starten auf 4500 Meter tun sich halt auch die Autos schwer- dann vielleicht die Rosi mit ihrer anstrengenden Art und Weise immer den Finger genau auf die Wunde zu legen.

Da schreit das Ego dann schon mal – „Was willst Du eigentlich von mir“!

Alle kleinen und großen Aufregungen wurden immer wieder durch viel Humor, unsagbarer Dankbarkeit und köstlichstem Essen befriedet.

Bald wurde auch dem letzten von uns allen bewusst, dass wir uns auf einer gemeinsamen Reise nach innen befanden! Auch wenn so mancher von uns diese Tatsache zwischendurch doch mal lieber verdrängt hätte.

Trotz all dieser Anforderungen war ganz viel Gelassenheit und Rücksicht aufeinander in einer sehr berührenden Art und Weise ständig zugegen .

Gemeinsamkeit musste hier nicht betont werden, sie wurde von jedem liebevoll umgesetzt!

Eine höchst außergewöhnliche Gemeinschaft, die tapfer meist freiwillig reflektierend und oft auch über sich selbst schmunzelnd eine Hürde nach der anderen brav erklomm.

Manchmal half da auch ein Schluck guter Whiskey!

Der Lohn waren unfassbare Naturerlebnisse und ein bewegendes Eintauchen in Spiritualität und die Lebensgewohnheiten der Bevölkerung.

Nicht allein die wundervollen Inhalte der Reise, die liebevollen und umsorgenden Hände so vieler Begleiter und Helfer, nicht nur die köstlichen indischen Gerichte, der Duft der Räucherstäbchen, der Klang des om mani padme hung allein waren es die alle Herzen öffneten, es war da noch etwas...

 

UNSICHTBARES INDIEN

Da ist noch dieses unsichtbare Indien !

Das Indien, das nur mit dem Herzen und der Seele gesehen werden kann.

Diese Kraft, die auf geheimnisvolle Weise mein Begleiter ist und mich still, liebend umsorgend durch dieses unglaubliche Land trägt, Jahr für Jahr.

Ich fühle sie sogleich wenn ich das Land betrete. Etwas wandert mit mir, mit uns, 

etwas löst Situationen, die unlösbar erscheinen, behütet und beschützt, beruhigt und trägt. Wer bist Du um Dir zu danken?

Wie nah war die Botschaft des Todes an den Verbrennungsstätten am Ganges in Varanasi,

wie nah der Himmel über Ladakh,

wie nah unsere eigenen Widerstände,

wie nah die Angst, wenn der Atem sich durch die Höhe veränderte,

wie nah wir uns selbst niederwerfend, Mantren singend, meditierend,

wie nah unser eigenes Herz wo Himmel und Erde sich begegneten,

wie nah die Dankbarkeit zwischen Steinschlag und sengender Sonne,

wie nah das Leben, gelebte Lebendigkeit,

wie nah das Unberührbare, Unveränderbare in uns selbst.

 

Ich könnte über so viele großartige Erlebnisse schreiben.

Über Highlights, wie das Erlebnis in der Schule, die berührende Erfahrung in der Begegnung mit seiner Heiligkeit an seinem Geburtstag, die wilde Landschaft Ladakhs, der einsame Wolf, dem wir zweimal begegnet sind und der uns auf seine Reise mitnahm.

Diese uralten Klöster, diese wundervollen Zeugnisse des tibetischen Buddhismus. Das Wissen von Thupten und seine liebevolle Güte, sie füllten unsere Herzen.

Aber diese Erzählungen überlass ich gerne den wundervollen Bildern von Xandi, Axel, Yelena und co.

Danke für eure Freude, das Gesehene und Gefühlte mit der Kamera einzufangen!

 

GEHEIMES LADAKH

Hier findet sich noch selbstverständliches Miteinander, tiefste Verbundenheit mit der Natur, fürsorgliche Menschen und Freude am Miteinander.

Hier finden wir gelebte Tradition, auch im medizinischen als Bön.

Schamanen werden hier von der heimischen Bevölkerung ganz selbstverständlich aufgesucht um ihre Leiden zu lindern.

Die Allgewalt der Berge lebt in den Herzen der Menschen und bestimmt ihre Handlungen. Jeder sorgt sich um den nächsten, denn hier ist der Mensch sich seiner Ergebenheit den Naturgewalten gegenüber mit inniger Bescheidenheit bewusst.

Es braucht viel Raum in dir selbst, um diese Gewalt der Berge aufnehmen zu können! Wer viel Raum in sich spürte, frei von Angst und Widerstand,

fühlte sich am zweithöchsten Pass der Welt auf 5600 Meter wie im Himmel,

sah ihn und spürte ihn in der Stille und Weite.

So wie es Sabine zutiefst gerührt ausdrückte: 

„Mir geht mein Herz so weit auf hier oben“.

 

Andere ergriffen die Flucht vor der Höhe, weil der Atem sich veränderte.

Jemand anders spürte nur die Atemlosigkeit und die Wut.

Lama Thupten murmelte seine Gebete. Alles darf sein und sich verändern.

Alles ist Veränderung!

 

VERÄNDERUNG

Indien wird dieser Wahrheit der Veränderung so intensiv gerecht,

in den letzten Jahren und in einem solchen Tempo,

dass ich schon für den Sommer 2020 die nächste Reise nach Ladakh plane

bevor die Veränderung Straßen in unberührte Täler baut, bevor die Stille dem Lärm der SUVs von Tausenden weichen muss.

Noch findet man die Energie Tibets in Indien.

Wo wird sie dann sein, wenn auch Ladakh von der Masse der Reisebegeisterten leicht erreichbar wird?

Ich hoffe, dann finden wir sie in unseren Herzen, die dann in diese Stille und göttliche Durchdrungenheit eingetaucht sind. Dort wird das Erbe Tibets sein.

Tief in unseren Herzen hat die Weisheit, die Güte und das Mitgefühl Raum sich zu entfalten. Dort wird das Om, der Urklang der Welt weiterschwingen.

In unseren eigenen Herzen werden wir fühlen, dass Getrenntheit eine Illusion ist!

Ist es nun eine eigene Entscheidung?

Sind wir das was wir denken?

Haben wir eine Wahl?

Ladakh ist nicht beschreibbar und durch Worte nicht erklärbar.

Nur die Stille des Herzens versteht.

Und so bleib ich im Staunen und lasse euch wortlos zurück.

Und lade euch nur ein mitzukommen in dieses nicht zu fassende Land

um zu verstehen, warum ich nur schweigend mich verneige.

Danke an alle, die immer wieder den Mut haben mich durch dieses gewaltige Land zu begleiten !

 

Die Veränderung holt jeden Liebenden ein, jeder Kuss lebt nur einmal,

kein noch so berührender Moment ist wiederholbar,

wer im Sehnen danach stehen bleibt ist verloren,

nicht das Erlebte ist die Konstante, sondern nur die Liebe selbst,

und so gibt sich der Weise immer wieder der Liebe hin,

und wird somit selbst zur Veränderung.

Dann hat der Tod keine Gewalt mehr über ihn. 

 

EURE Rosi Wagner